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Köln-Lindenthal Geschichte: Vom Krieler Dömchen zur Universitätsstadt im Grünen

Von den karolingischen Dörfern Kriel und Lind über die Villenkolonie von 1846 bis zu Adenauers Grüngürtel und der Universität: mehr als tausend Jahre Geschichte im Kölner Westen.

Von Holger Winter | 19. Juni 2026
Köln-Lindenthal Geschichte: Vom Krieler Dömchen zur Universitätsstadt im Grünen © Foto: Horsch / Wikimedia Commons (CC BY 2.5)
Blick über Köln-Lindenthal.

Wer durch Lindenthal spaziert, sieht erst einmal breite Alleen, Villen hinter alten Bäumen und den grünen Saum aus Stadtwald und Grüngürtel. Was nach gewachsener Vornehmheit aussieht, ist in Wahrheit ein erstaunlich junger Stadtteil: Das heutige Lindenthal wurde 1846 buchstäblich auf der grünen Wiese gegründet, mit einem einzigen Haus an der Dürener Straße.

Und doch reicht die Geschichte des Geländes viel weiter zurück. Unter dem jungen Villenviertel liegen mittelalterliche Dörfer und Höfe wie Kriel, Lind, Deckstein und Melaten, dazu eine der ältesten Kirchen Kölns. Diese Chronik führt vom karolingischen Krieler Dömchen über die Gründerzeit-Kolonie und Konrad Adenauers Grüngürtel bis zur Universitätsstadt von heute.

Was dich erwartet

Kriel und Lind: die karolingischen Wurzeln

Bevor es Lindenthal gab, gab es Kriel und Lind. Zwei kleine Dörfer westlich vor den Toren Kölns, deren Namen sich bis heute in Straßen und im Stadtwald erhalten haben. Der Stadtteilname Lindenthal selbst leitet sich vermutlich vom Weiler Lind im Tal ab.1

Das wichtigste Zeugnis dieser frühen Zeit steht noch: das Krieler Dömchen, die Kirche Alt St. Stephan am Suitbert-Heimbach-Platz. Eine kleine, querrechteckige Saalkirche wurde dort bereits im späten 9. oder im 10. Jahrhundert aus Grauwacke, Feldsteinen und römischen Abbruchziegeln errichtet. Damit ist sie nach St. Gereon das zweitälteste Kirchengebäude Kölns überhaupt.2

Das kleine Dömchen im Veedel

Alt St. Stephan diente den Krielern und der katholischen Bevölkerung Lindenthals bis 1887 als Pfarrkirche, ehe die neue St.-Stephan-Kirche an der Bachemer Straße eingeweiht wurde. Einer Legende nach soll der spätere Kölner Erzbischof Hildebold hier als Pfarrer gewirkt haben.

Höfe und Weiler: Deckstein, Hohenlind und Melaten

Das spätere Lindenthal war über Jahrhunderte eine offene Feldflur mit verstreuten Hofgütern, Dörfern und Weilern. Neben Kriel und Lind prägten vor allem Deckstein, Hohenlind und Melaten das Bild. Deckstein, ein Hof mit Mühle in der Nähe von Kriel und Lind, gab später dem Decksteiner Weiher seinen Namen.3

Eine besondere Rolle spielte der Hof Melaten. Der Hoff to Malaten ist 1243 erstmals urkundlich belegt und war ein Siechenhaus für Aussätzige, also Leprakranke, weit genug von der Stadt entfernt, um sie zu isolieren. Die zugehörige Kapelle St. Maria Magdalena und Lazarus stammt aus dem Jahr 1245. Weil ab 1712 kaum noch Leprafälle auftraten, wurde das Leprosenhaus 1767 geschlossen.4

1810: Aus dem Siechenhaus wird der Melaten-Friedhof

Die Geschichte Melatens nahm unter französischer Herrschaft eine Wende. Ein Dekret Napoleons von 1804 verlangte aus hygienischen Gründen, die mittelalterlichen Friedhöfe in der dicht bebauten Kölner Altstadt aufzugeben und neue Begräbnisplätze vor den Toren der Stadt anzulegen. Auf dem Gelände des ehemaligen Leprosenhauses und einer früheren Richtstätte wurde 1810 der Melaten-Friedhof eröffnet.5

Mit der Gestaltung wurde der Gelehrte Ferdinand Franz Wallraf betraut, der sich am Pariser Friedhof Père-Lachaise orientierte. Heute ist Melaten Kölns berühmtester Friedhof und liegt mit rund 43 Hektar mitten im Stadtbezirk Lindenthal, eine grüne Insel voller Geschichte zwischen Aachener und Piusstraße.

1846: Gründung an der Dürener Straße

Der eigentliche Stadtteil Lindenthal ist ein Kind des 19. Jahrhunderts. Schon 1843 hatten die Kölner Bürger Thelen und Fühling Pläne für eine Wohnkolonie auf der freien Feldflur entworfen. Als offizielles Gründungsjahr gilt 1846, das Jahr, in dem an der Dürener Straße das erste Haus der neuen Kolonie gebaut wurde.6

Der Plan ging auf. Lindenthal entwickelte sich rasch zu einem der begehrtesten Wohnviertel Kölns, einer großzügig angelegten Villenkolonie mit Alleen, Gärten und frischer Luft, weit weg vom Lärm und Rauch der Innenstadt. 1877 entstanden erste private Pferdebahnlinien, die den Vorort mit der Stadt verbanden.7

Aus offener Feldflur westlich der Stadt wurde binnen weniger Jahrzehnte eine der vornehmsten Wohnlagen Kölns.
Zur Entwicklung Lindenthals nach 1846

1888: Eingemeindung nach Köln

Lange blieb Lindenthal eigenständig. Doch das wachsende Köln drängte über seinen Festungsring hinaus. Im April 1888 wurden Lindenthal und seine Nachbarn Braunsfeld, Klettenberg, Müngersdorf und Sülz nach Köln eingemeindet, ein Schritt, der die Stadtfläche enorm vergrößerte.8

Damit war die Voraussetzung geschaffen, das Gelände planmäßig zu erschließen. Die Stadt sicherte sich gezielt Flächen für die Zukunft. 1894 erwarb sie das Gut Kitschburg, 1895 fiel der Beschluss, zwischen Dürener und Aachener Straße den Kölner Stadtwald anzulegen.9

Ab 1895: Der Kölner Stadtwald entsteht

Der Kölner Stadtwald ist das grüne Herz Lindenthals. Nach Entwürfen des städtischen Gartenbaudirektors Adolf Kowallek begann ab 1895 die Umwandlung von Wald, Feld und Wiese in einen weitläufigen Volkspark mit Wegen, Wasserläufen und Spielwiesen.10

Der Stadtwald war von Anfang an als Naherholungsgebiet für die ganze Stadt gedacht, nicht als exklusive Anlage. Heute ist er mit dem benachbarten Decksteiner Weiher eines der beliebtesten Ausflugsziele Kölns und ein zentraler Grund, warum die Wohnlagen rund um den Stadtwald zu den gefragtesten der Stadt zählen.

Ab 1920: Grüngürtel und die Ära Adenauer

Die prägendste Figur für das grüne Lindenthal heißt Konrad Adenauer. 1917 zum Oberbürgermeister gewählt, machte er das Kölner Grün zur Chefsache. Adenauer wohnte selbst am Rand des Stadtwaldes an der Max-Bruch-Straße und sah in den ehemaligen Festungsflächen die Chance, Köln großräumig zu durchlüften.11

1919 schrieb der neu gewählte Oberbürgermeister einen Wettbewerb aus, den der Hamburger Stadtbaumeister Fritz Schumacher gewann. Schumacher (Kölner Stadtbaurat 1920 bis 1923) entwarf einen Generalsiedlungsplan, dessen Kern zwei große, halbkreisförmige Grünzüge bildeten: der innere und der äußere Grüngürtel. Sie sollten die ringförmig gewachsene Stadt auflockern.12

In Lindenthal greifen diese Ideen bis heute ineinander. Den Stadtwald erweiterte Fritz Encke zwischen 1919 und 1927 um den Adenauer Weiher, der Decksteiner Weiher entstand zwischen 1927 und 1929 unter Theodor Nußbaum. 1925 wurde entlang der Rautenstrauch- und Clarenbachstraße der Lindenthaler Kanal mit Wasserflächen und Spielplätzen angelegt, eine grüne Verbindung zwischen innerem und äußerem Grüngürtel.13

Grün als Arbeitsbeschaffung

Viele dieser Parks und Weiher entstanden in den 1920er Jahren im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Aus militärischem Sperrgebiet und Brachland wurde so der Grüngürtel, der Lindenthal bis heute prägt und in den Sehenswürdigkeiten des Stadtteils ganz oben steht.

1929 und 1934: Die Universität zieht in den Grüngürtel

Köln hatte schon einmal eine Universität: die 1388 gegründete Universitas Studii Coloniensis, die unter französischer Herrschaft 1798 geschlossen wurde. 1919 holte Konrad Adenauer die Hochschule zurück. Im Mai 1919 unterzeichnete er den Vertrag mit dem preußischen Staat, am 12. Juni 1919 wurde die neue Universität zu Köln im Gürzenich feierlich eröffnet, die zweite Universitätsneugründung der Weimarer Republik.14

Ihren festen Ort fand die Universität in Lindenthal. Am 26. Oktober 1929 wurde im inneren Grüngürtel der Grundstein für das neue Hauptgebäude gelegt, entworfen vom Architekten und Stadtbaurat Adolf Abel. Im November 1934 zog die Universität in den schlicht-monumentalen Neubau am heutigen Albertus-Magnus-Platz ein.15

Mit dem Hauptgebäude entstand das heutige Universitätsviertel. Aus der vornehmen Villenkolonie wurde zusätzlich eine Hochschulstadt, ein Charakter, der Lindenthal bis heute prägt und sich auch in den vielen Cafés rund um den Campus spiegelt.

Zweiter Weltkrieg und Wiederaufbau

Wie ganz Köln wurde auch Lindenthal im Zweiten Weltkrieg schwer getroffen. Die Paul-Gerhardt-Kirche wurde 1944 fast vollständig zerstört, und insgesamt fielen große Teile des Stadtteils dem Bombenkrieg zum Opfer.16

Beim Wiederaufbau blieb der grüne Grundriss aus Stadtwald, Grüngürtel und Alleen erhalten und wurde zum Rückgrat des neuen Lindenthal. Die Universität wuchs in den Nachkriegsjahrzehnten weit über ihr Hauptgebäude hinaus. 1956 stellte der Bildhauer Gerhard Marcks die Albertus-Magnus-Statue vor dem Haupteingang auf, die dem Platz bis heute ihren Namen gibt.17

Parallel entwickelte sich Lindenthal zu einem Klinikstandort von überregionalem Rang. 1927 hatte der Deutsche Caritasverband in Hohenlind das St.-Elisabeth-Krankenhaus gegründet, dazu kam die stetig wachsende Uniklinik Köln, heute ein Maximalversorger mit rund 1.500 Betten.18

1975: Lindenthal wird Stadtbezirk

Mit der kommunalen Neugliederung durch das Köln-Gesetz wurde Lindenthal 1975 zum Namensgeber eines ganzen Stadtbezirks. Der neue Stadtbezirk 3 fasst neun Stadtteile zusammen: Braunsfeld, Junkersdorf, Klettenberg, Lindenthal, Lövenich, Müngersdorf, Sülz, Weiden und Widdersdorf. Lövenich, Weiden und Widdersdorf, zuvor zum Landkreis Köln gehörig, kamen erst durch dieses Gesetz zur Stadt.19

Seither bezeichnet Lindenthal zweierlei: den historischen Stadtteil zwischen den beiden Grüngürteln und den großen Stadtbezirk im Kölner Westen. Mit 152.706 Einwohnern (Stand 31. Dezember 2021) auf 41,77 Quadratkilometern ist der Bezirk der bevölkerungsreichste der neun Stadtbezirke Kölns.20

Lindenthal heute: Universitätsstadt im Grünen

Das heutige Lindenthal lebt von der Verbindung aus Grün, Bildung und Wohnen. Zwischen Stadtwald und Grüngürtel liegen die Universität zu Köln, die Uniklinik, der Melaten-Friedhof und das Stadion in Müngersdorf, dazu eine der teuersten Wohnlagen der Stadt. Die Dürener Straße und der Lindenthalgürtel bilden mit Geschäften, Banken, Cafés und Restaurants das gehobene Zentrum des Veedels.21

Was Lindenthal heute ausmacht, ist genau jene Mischung, die im frühen 20. Jahrhundert angelegt wurde: ein durchgrüntes Quartier, in dem Universität, Kliniken und gepflegte Wohnstraßen nebeneinander bestehen. Die Nachfrage ist entsprechend hoch, was sich deutlich am Mietspiegel ablesen lässt.

Was bleibt, ist die Lage im Grünen. Der Stadtwald, einst auf freier Feldflur westlich Kölns angelegt, bleibt der Anker, an dem sich Lindenthal seit über einem Jahrhundert orientiert.

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